Wählen gehen — auch im postdemokratischen Zeitalter* immer noch wichtig.
* Bidde? Formal sind die demokratischen Institutionen noch intakt, doch Politikverdrossenheit, Sozialabbau und Privatisierung höhlen die ganze Geschichte von innen aus: Diese Misere nennt Politikwissenschaftler Colin Crouch “Postdemokratie”. Obama ist die Antithese, ein langweiliger Kuschelwahlkampf und ein paar Flashmobs sicher nicht.
Steilvorlage für die neue Protestkultur, die gerade vom Bundesarbeitsgericht für rechtens im Arbeitskampf erklärt wurde: In der Hamburger Innenstadt steht ein weiteres CDU-Plakat, das vermutlich vom selben Spaßvogel beschriftet wurde, dem schon “Und alle so: Yeaahh!” eingefallen ist.
Sie fordern einen Internet-Superminister, wollen etliche Ministerien grundlegend umbauen und die Demokratie gleich neu erfinden, indem sie das freie Mandat von Abgeordneten beschneiden: die Piratenpartei. Forsa-Chef Manfred Güllner sieht sie trotzdem nicht im Bundestag — und erwartet keine Überraschung am Wahlabend.
Dass die Piratenpartei eigentlich gar keine richtige Partei ist, schreiben Kai Biermann und Tina Klopp auf Zeit Online. “Mitglieder der Piraten-Partei neigen dazu, ihr privates Universum mit den Problemen der Welt gleichzusetzen.” Bemängelt wird die Abwesenheit politischer Stellungnahme: Steht die Partei für individuelle Freiheiten und das Glück des Einzelnen oder für soziale Gerechtigkeit? Und dann wären da noch die weiblichen Piraten-Mitglieder, beziehungsweise eben: deren Abwesenheit.
Auch Spiegelfechter Jens Berger fordert von den Piraten endlich eine Positionierung — und seziert Paranoia und Beißreflexe (Stichwort: “Gezielte Falschdarstellung in den Medien” oder was einem offizielle Vertreter der Partei so über andere Journalisten erzählen), mit denen einige Piraten-Anhänger auf Kritik und Gegenwind reagieren. “Freiheit ist eine leere Hülse, in die man so ziemlich jeden Inhalt packen kann”, schreibt Berger, kaum ein anderer Begriff sei politisch so umstritten wie die zentrale Forderung der Piratenpartei.
Unterstützung bekommen die Piraten unterdessen nicht nur von den Freien Wählern in Düsseldorf oder von den Feinden des “linken Establishments”, sondern auch von der Partei “Die Partei”. Der Bundesvorsitzende der schmierigen Wählervereinigung höchstselbst, Martin Sonneborn, ruft zur Piraten-Wahl auf. NIcht ohne Hintergedanken:
Am Freitag wurde Angela Merkels Wahlkampfauftritt in Hamburg von einem möglicherweise leicht politischem Flashmob heimgesucht — und ich konnte endlich meine erzreaktionäre Ader ausleben! Viel zu lange hatte ich sie sträflich vernachlässigt.
* übrigens ein Lied der sehr grandiosen und leider aufgelösten Band Herr Nilsson, zu finden auf dem Album “Der erste eigene Wasserwerfer”
Neu bei Google: Wonder Wheel, eine interaktive Karte, die verwandte, häufig genutzte Suchbegriffe anzeigt. Mit einer Hand voll Klicks kommt man von Angela Merkel über Vera Lengsfeld zu brasilianischer Bademode. Es sei denn, man biegt geschmackloser Weise zwei Klicks vorher Richtung Eva Braun ab. Das ist mal Fortschritt! Noch bemerkenswerter ist nur noch, dass längst jemand eine passende Wonder-Wheel-Domain registriert und ein schrottiges Blog mit nutzlosen Texten aufgesetzt hat. Dort landen all jene, die Google nach dem Wonder Wheel befragen. Dabei ist es doch so einfach: Angela Merkel eingeben, fünfmal klicken …