Am Montag um 14 Uhr erklärt Bundespräsident Horst Köhler seinen Rücktritt — was für eine Nachricht! Die Nachrichtenagentur dpa feuert eine Blitzmeldung ab, Rundfunk und Onlinedienste vibrieren. In den Zeitungsredaktionen sind noch einige Stunden Zeit, bis die Dienstags-Ausgabe in den Druck muss. Was wird den Lesern am nächsten Morgen angeboten, nachdem die Nachricht schon den letzten Winkel der Republik erreicht hat? Nachdem die Kanzlerin im ARD/ZDF-Brennpunkt die Menschen zu beruhigen versuchte? Los geht’s mit Tagesspiegel, Frankfurter Allgemeine und Süddeutsche:
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Äh, ja. Die Zielgruppe verfügt offenbar weder über Fernseher noch Radio, geschweige denn über dieses neumodische Internet. Ausgerechnet die Zeitungs-Dickschiffe verharren in bleierner Nachrichtenstarre! Das nackte Faktum als Aufmacher, 15 Stunden später? News von gestern? Solange sich die Abonnenten so etwas gefallen lassen und für das Internet-Ausdrucken Geld herausrücken: Bitte. Ich glaube aber nicht, dass Zeitungen sich damit heute noch einen Gefallen tun. Stattdessen sehen sie ziemlich alt aus, selbst wenn sich im Innenteil Analysen und Hintergründe in preiswürdiger Qualität verstecken.
Es geht auch anders. Über die bloße Meldung hinaus wagen sich Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau und Handelsblatt schon mit dem Aufmacher an eine Einordnung heran:



Immerhin. Dann wäre da zum Glück noch die Merkel-Fraktion: Die Redaktionen, die schon mit dem Aufmacher über die bloße Nachricht hinaus weiterdenken und den Rücktritt in den politischen Kontext einordnen. Die ihren Lesern einen Mehrwert anbieten. Zum Beispiel Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt und Spiegel Online:




Gewohnt überdreht natürlich die taz, die gleich die Regierung im Entengang abtreten lässt:

Was sich eine Zeitung eben erlauben kann, wenn sie nicht den Anspruch verfolgt, ihren Lesern möglichst nüchtern die Nachrichten von gestern aufzufächern. Vollkommen ratlos lässt mich hingegen die Welt zurück, die mit einem Köhler-Zitat aufmacht:

Es war ihm also eine Ehre — meine Güte, er war Bundespräsident, was soll er auch sonst sagen. Andere Zeitungen schreiben von Fahnenflucht, vom tragischen Präsidenten, hier wird mal eben das Potential der Geschichte verspielt. Oder ich verstehe den Witz nicht.
Dem möchte ich widersprechen.
Meine Regionalzeitung titelte mit “Köhler-Rücktritt löst politisches Beben aus”. Obwohl das ja noch als eine Mischform zwischen Meldung (“Köhler-Rücktritt”) und Folgenbetrachtung (“löst politisches Beben aus”) angesehen werden könnte, und obwohl ich die Nachricht tags zuvor über verschiedene Kanäle mitbekommen habe, war mein erster Gedanke zu Anschauungszwecken leicht überspitzt dargestellt): “Köhler-Rücktritt? Welcher Köhler-Rücktritt? Diese Zeitung hat mir nie etwas von einem Köhler-Rücktritt berichtet.”
Ich denke, dass eine Zeitung im 24-Stunden-Rhythmus über die Neuigkeiten der Welt berichten sollte, und eben nicht voraussetzen darf, dass der Leser doch wohl bittesehr die Tagesthemen gestern Abend gesehen haben wird.
Kann die Kritik überhaupt nicht nachvollziehen. Im Gegenteil…
Eine Zeitung soll zunächst sachlich berichten, was passiert ist, im nächsten Schritt dann die Hintergründe analysieren, und eventuell das ganze noch kommentieren. Von daher kann ich Tagesspiegel, Süddeutsche und FAZ nur dazu gratulieren, dass sie das wesentliche Ereignis in die Überschrift gegossen haben. Überhaupt ist gerade die verstärkte Vermischung von Fakten, Vermutungen, Analysen und Kommentar (also das, was früher mal als “‘Spiegel’-Stil” galt), etwas, was mir gerade in der Tagespresse der letzten Jahre auf den Keks geht. Halb- und Nichtfundierte Analysen und Auslassungen finde ich genüge im Netz.
In der Zeitung, für die ich zahle, will ich aber lesen, was tatsächlich passiert ist. Dafür haben sie ihren Stab. Und das ist es auch, was ihren Mehrwert, sowohl für das Nachrichtenjunkiepublikum als auch für den Radio-, TV- und Internetverweigerer ausmacht.
Zeitungen haben nun mal Redaktionsschluss und dann geht die Arbeit erst los:
Lektorat, Satz (geht elektronisch und automatisch), Druck und Verteilung.
In den Zeitungen liest man immer die Nachrichten von gestern.
Und die Schlagzeile ist dann praktisch die wichtigste Meldung von gestern: Köhler tritt zurück.
Darunter gab es ja die Meldung (vier Spalten) und im Innenteil alle möglichen Analysen und Kommentare.
Seriöse Zeitungen können sich eben eine schmale Schlagzeile leisten. Der Leser weiß, dass er meist guten Inhalt bekommt.
Kann die Kritik ebenso wenig nachvollziehen. Nicht jeder Leser einer Tageszeitung hängt den ganzen Tag F5-klickend auf SpOn ab, manche müssen arbeiten oder sind anderweitig beschäftigt.
Ganz im Gegenteil finde ich die klare Trennung von Nachricht und Kommentar/Analyse in der SZ passend. Auf der ersten Seite braucht man keine Einschätzung, dafür gab es 2 lange Kommentare von Kister und Prantl innerhalb der ersten 4 Seiten, eine Reportage über die Umstände des Rücktritts, sowie 2 Artikel zu Nachfolgern und Geschichte der Bundespräsidenten. Sogar der Interims-BP bekam sein kleines Portrait.
Viel mehr an Info braucht man nicht und ist auch nicht zu stemmen innerhalb eines Tages.
Es ist doch albern die Berichterstattung einer Tageszeitung an der Überschrift festzumachen.
Was für furchtbare Kommentare!
1. “Köhler-Rücktritt? Welcher Köhler-Rücktritt? Diese Zeitung hat mir nie etwas von einem Köhler-Rücktritt berichtet.”
Was für eine Reagenzglas-Frage! Die muss man aus den Stammzellen eines toten Medienzeitalters züchten, sonst kommt man da nie drauf. Auch nicht durch Überspitzung. Oder will Y ernsthaft behaupten, am nächsten Morgen wäre die Nachricht für ihn/sie neu gewesen?
2. “Eine Zeitung soll zunächst sachlich berichten, was passiert ist, im nächsten Schritt dann die Hintergründe analysieren, und eventuell das ganze noch kommentieren.” Zeitungen am nächsten Morgen SIND der nächste Schritt. Was passiert ist, ist längst berichtet, von den selben Kollegen. Sie haben nur darauf verzichtet, mit der Nachricht auf den Andruck zu warten.
3. “In den Zeitungen liest man immer die Nachrichten von gestern.” Leider ja, viel zu oft. Aber Sie wünschen sich doch von eiener Zeitung sicherlich mehr, CWC, oder?
Eigentlich erwarte ich eine Analyse, Prognose etc. in dem Artikel und eine Überschrift, die mich sofort erkennen lässt worum es geht.
Anscheinend gibt es aber auch Leute, die für die Beurteilung der Qualität die Artikel gleich ganz weglassen und nur nach der Überschrift bewerten und dann auch noch besonders viele Punkte geben, wenn in ihr kein Wort vorkommt, dass auf den Inhalt schließen lässt.
Der Text ist in jedem Fall ein weiteres Beispiel dafür, dass im Netz anscheinend zuviel Platz ist.
jfe, Redaktionsschluss ist Redaktionsschluss. Danach geht höchstens etwas, wenn der CvD eine Spalte freigelassen hat, um noch etwas bis Druckbeginn reinzuquetschen.
Ich erwarte von einer Zeitung mehr als von TV-Nachrichten. Aber ich erwarte es nicht sofort, sondern ein oder zwei Tage später. Ich bin ja nicht doof und weiß, dass eine Zeitung nun mal kein Rundfunk ist.