Sie fordern einen Internet-Superminister, wollen etliche Ministerien grundlegend umbauen und die Demokratie gleich neu erfinden, indem sie das freie Mandat von Abgeordneten beschneiden: die Piratenpartei. Forsa-Chef Manfred Güllner sieht sie trotzdem nicht im Bundestag — und erwartet keine Überraschung am Wahlabend.
Dass die Piratenpartei eigentlich gar keine richtige Partei ist, schreiben Kai Biermann und Tina Klopp auf Zeit Online. “Mitglieder der Piraten-Partei neigen dazu, ihr privates Universum mit den Problemen der Welt gleichzusetzen.” Bemängelt wird die Abwesenheit politischer Stellungnahme: Steht die Partei für individuelle Freiheiten und das Glück des Einzelnen oder für soziale Gerechtigkeit? Und dann wären da noch die weiblichen Piraten-Mitglieder, beziehungsweise eben: deren Abwesenheit.
Auch Spiegelfechter Jens Berger fordert von den Piraten endlich eine Positionierung — und seziert Paranoia und Beißreflexe (Stichwort: “Gezielte Falschdarstellung in den Medien” oder was einem offizielle Vertreter der Partei so über andere Journalisten erzählen), mit denen einige Piraten-Anhänger auf Kritik und Gegenwind reagieren. “Freiheit ist eine leere Hülse, in die man so ziemlich jeden Inhalt packen kann”, schreibt Berger, kaum ein anderer Begriff sei politisch so umstritten wie die zentrale Forderung der Piratenpartei.
Unterstützung bekommen die Piraten unterdessen nicht nur von den Freien Wählern in Düsseldorf oder von den Feinden des “linken Establishments”, sondern auch von der Partei “Die Partei”. Der Bundesvorsitzende der schmierigen Wählervereinigung höchstselbst, Martin Sonneborn, ruft zur Piraten-Wahl auf. NIcht ohne Hintergedanken:
Am Freitag wurde Angela Merkels Wahlkampfauftritt in Hamburg von einem möglicherweise leicht politischem Flashmob heimgesucht — und ich konnte endlich meine erzreaktionäre Ader ausleben! Viel zu lange hatte ich sie sträflich vernachlässigt.
* übrigens ein Lied der sehr grandiosen und leider aufgelösten Band Herr Nilsson, zu finden auf dem Album “Der erste eigene Wasserwerfer”
Neu bei Google: Wonder Wheel, eine interaktive Karte, die verwandte, häufig genutzte Suchbegriffe anzeigt. Mit einer Hand voll Klicks kommt man von Angela Merkel über Vera Lengsfeld zu brasilianischer Bademode. Es sei denn, man biegt geschmackloser Weise zwei Klicks vorher Richtung Eva Braun ab. Das ist mal Fortschritt! Noch bemerkenswerter ist nur noch, dass längst jemand eine passende Wonder-Wheel-Domain registriert und ein schrottiges Blog mit nutzlosen Texten aufgesetzt hat. Dort landen all jene, die Google nach dem Wonder Wheel befragen. Dabei ist es doch so einfach: Angela Merkel eingeben, fünfmal klicken …
Wie aufregend: Da tun sich 15 Netz-affine Journalisten zusammen und veröffentlichen ein “Internet-Manifest” und verkünden, “wie Journalismus heute funktioniert”. Allein: Das Versprechen wird nicht gehalten. Bei einem Manifest erwarte ich einen feurigen Appell, einen neuen Anspruch, einen Aufbruch, etwas Neues.
Was fordern Sie denn nun? Dass man die Leser ernst nehmen soll. Dass mehr Links gesetzt werden. Dass das Internet von Sperrgesetzen unbehelligt bleibt. Abgesehen davon liest sich das “Manifest” mehr wie ein staubtrockener Wikipedia-Artikel. Es ist eine Sammlung mehr oder weniger weit verbreiteter Binsen, der kleinste gemeinsame Nenner. Wen die aufgestellten Behauptungen wirklich noch überraschen oder grundsätzlich zum Nachdenken bewegen, muss seinen Kopf das vergangene Jahrzehnt in Altpapier vergraben haben.
Aber was wollen die Journalisten, welcher Aufgabe nehmen sie sich an, was können ihre Leser erwarten? Dazu findet sich unter Punkt 16 nur der leicht nebulöse Satz “Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.” Ich finde die Aufstellung der Rahmenbedingungen, unter denen Journalismus heute gemacht wird, sehr gelungen — nur weckt das Wort “Manifest” bei mir andere Erwartungen.
Nachtrag: Ähnlich Felix Schwenzel, “mir fehlt die prägnanz, die stichhatigkeit und die brilianz die man von einem ‘manifest’ erwarten könnte”.
Ixus im Einsatz: Plastik-Demo im Miniaturwunderland in Hamburg
Anstatt nun unterwegs auf Reportage ständig die Farbe von irgendwelchen Krawatten zu notieren, die dann später doch wieder nicht interessant sind und im Text also gar nicht auftauchen, um mal ein Beispiel zu bemühen, passe ich lieber auf — und mache Fotos, für alle Fälle. Mit einer kleinen Ixus von Canon. Ein erstes Fazit: