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Mehr Vorstellungskraft und weniger Faulheit fordert der amerikanische Medienexperte Dan Gillmor von Journalisten. Auf guardian.co.uk stellt er seine 22 Ideen für einen neuen Journalismus vor, “The new rules of news”. Endlich ein richtiges Manifest, nachdem das Wort hierzulande gerade über einer Liste mit 17 mehr oder weniger umstrittenen Gewissheiten zum Journalismus im Internetzeitalter stand. Hier Gillmors Forderungen in knapper (!) Übersetzung:
1. Wir verzichten bis auf wenige Ausnahmen auf Jahrestags- und Jubiläumsgeschichten. Sie sind Rückzugsort für faule, unkreative Journalisten.
2. Wir laden unsere Leser ein, an unseren Geschichten mitzuarbeiten. Das kann über Crowdsourcing, Blogs, Wikis und viele andere Techniken geschehen. Wir machen klar, dass wir nicht bloß andere für uns arbeiten lassen wollen und werden einen Mechanismus finden, Mitarbeit mit mehr als einem symbolischen Schulterklopfen zu belohnen.
3. Transparenz wird ein Kernelement unserer Berichterstattung. Zum Beispiel werden Artikel mit Hinweisen versehen, welche Fragen nicht beantwortet werden konnten. Die Leser werden eingeladen, zur Beantwortung der Fragen beizutragen.
4. Wir bieten unseren Lesern an, Korrekturen zu unseren Artikeln extra als Meldungen zu abonnieren. Wahlweise alle Verbesserungen oder nur grobe Schnitzer.
5. Der Austausch mit und zwischen unseren Lesern wird ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.
6. Wir verzichten auf das bloße Verkünden von Stellungnahmen. Und wenn Teilnehmer einer Debatte mit falsche Aussagen arbeiten, weisen wir darauf hin.
7. Wir übersetzen PR-Sprache in präzise Worte. Wenn ein Interviewpartner Sprache falsch benutzt, verzichten wir auf ein direktes Zitat und nutzen indirekte Rede. (Beispiel: Diebstahl ist die falsche Bezeichnung für das, was Nutzer von Tauschbörsen im Internet machen.)
8. Wir setzen aus Überzeugung Links — auf relevante Seiten, Quellen und andere journalistische Angebote.
9. Wir bieten frei zugängliche Archive an und stellen Schnittstellen (APIs) bereit, damit andere unsere Berichterstattung für Zwecke nützen können, an die wir nicht gedacht haben.
10. Wir helfen unseren Lesern, informierte Mediennutzer zu sein, nicht bloß Konsumenten.
11. Wir publizieren keine “Die zehn …”-Listen. Siehe Punkt 1.
12. Bis auf wenige Ausnahmen verzichten wir auf direkte oder indirekte Zitate von anonymen Quellen. Ausnahmen müssen von der Quelle ausreichend (zum Beispiel mit einer Gefahr für Leib und Leben) begründet werden, die Begründung ist Teil der Berichterstattung.
13. Werden wir von einer anonymen Quelle wissentlich belogen, machen wir die Quelle öffentlich.
14. Leitartikel und Kommentare verzichten auf “muss”-Sätze (wie “Die Kanzlerin muss jetzt …”). “Muss” ist ein hohles Verb, das Machtlosigkeit demonstriert.
15. Wir weisen regelmäßig auf die Arbeit unserer Mitbewerber hin, inklusive Bloggern, die eine bestimmte Nische bearbeiten.
16. Darüber hinaus weisen wir auf wichtige Geschichten extra hin. Faustregel: Wenn wir uns ärgern, eine gute Geschichte nicht selbst gebracht zu haben, berichten wir über die Geschichte.
17. Je wichtiger wir ein Thema für unsere Zielgruppe erachten, desto hartnäckiger bleiben wir am Ball. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass eine bestimmte Regelung oder Praxis gefährlich ist, versuchen wir, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das bedeutet, dass man laut und deutlich vor der Immobilienblase gewarnt hätte.
18. Für jedes Thema und jede Person, über die regelmäßig berichtet wird, stellen wir einen Hintergrundartikel bereit. Dieser soll Lesern ohne Vorkenntnisse in den Kontext aktueller Berichterstattung einführen.
19. Wir weisen Leser auf Möglichkeiten hin, wie sie auf die Themen unserer Berichterstattung reagieren können.
20. Wir tun unser Möglichstes, um verdeckte Interessen zu benennen.
21. Wir schätzen Risiken ehrlich ein und verzichten darauf, aus tragischen Einzelfällen ohne statistische Absicherung ein weit verbreitetes Phänomen zu machen (“immer mehr …”). Das verunsichert die Allgemeinheit und Gesetzgeber sehen sich unter Umständen gezwungen, auf irreale, von Medien gefütterte Ängste zu reagieren.
22. Es werden keine Leitartikel von wichtigen Politikern und Firmenführern veröffentlicht, solange sie den Text nicht tatsächlich selber geschrieben haben.
Der Originalartikel von Dan Gillmor steht unter einer Creative-Commons-Lizenz. Diese verkürzte Übersetzung dementsprechend auch.
Sie fordern einen Internet-Superminister, wollen etliche Ministerien grundlegend umbauen und die Demokratie gleich neu erfinden, indem sie das freie Mandat von Abgeordneten beschneiden: die Piratenpartei. Forsa-Chef Manfred Güllner sieht sie trotzdem nicht im Bundestag — und erwartet keine Überraschung am Wahlabend.
Dass die Piratenpartei eigentlich gar keine richtige Partei ist, schreiben Kai Biermann und Tina Klopp auf Zeit Online. “Mitglieder der Piraten-Partei neigen dazu, ihr privates Universum mit den Problemen der Welt gleichzusetzen.” Bemängelt wird die Abwesenheit politischer Stellungnahme: Steht die Partei für individuelle Freiheiten und das Glück des Einzelnen oder für soziale Gerechtigkeit? Und dann wären da noch die weiblichen Piraten-Mitglieder, beziehungsweise eben: deren Abwesenheit.
Auch Spiegelfechter Jens Berger fordert von den Piraten endlich eine Positionierung — und seziert Paranoia und Beißreflexe (Stichwort: “Gezielte Falschdarstellung in den Medien” oder was einem offizielle Vertreter der Partei so über andere Journalisten erzählen), mit denen einige Piraten-Anhänger auf Kritik und Gegenwind reagieren. “Freiheit ist eine leere Hülse, in die man so ziemlich jeden Inhalt packen kann”, schreibt Berger, kaum ein anderer Begriff sei politisch so umstritten wie die zentrale Forderung der Piratenpartei.
Unterstützung bekommen die Piraten unterdessen nicht nur von den Freien Wählern in Düsseldorf oder von den Feinden des “linken Establishments”, sondern auch von der Partei “Die Partei”. Der Bundesvorsitzende der schmierigen Wählervereinigung höchstselbst, Martin Sonneborn, ruft zur Piraten-Wahl auf. NIcht ohne Hintergedanken:
Sie haben es wieder getan: Großartig gefilmtes und geschnittenes Video der Berliner Parkour-Gruppe Urban Idiots:
Allein diese Stelle bei Minute 5:06 … und das eine Dach, das kenne ich! Mehr auf der MySpace-Seite von Björn Beau. (via)
Der Service austauschbar, die Konkurrenz mannigfaltig: Der URL-Kürzdienst tr.im stellt den Betrieb ein, Aufmerksamkeit allein ist kein Geschäftsmodell. Schon Ende des Jahres könnten etliche Web-Abkürzungen ins Leere führen – es sei denn, jemand kauft noch schnell die Firma. Über die ach-so-praktischen Kurzadressen und die drohende Link-Apokalypse habe ich im Mai geschrieben.
oler: RT @saschalobo: Nachrecherchiert von ZDF Frontal 21: Westerwelles "steuerminimierendes" Umfeld: http://1.ly/wester_boersch (via @webe)
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