Jarett Kobek: I Hate the Internet

Worum geht’s? Eine schon etwas ältere Comic-Autorin namens Adeline muss, nachdem sie bei einem öffentlichen Auftritt unsensibel rumgewütet hat, mit einem Shitstorm klarkommen. Es geht um die Rolle von Frauen und Schwarzen in der Gesellschaft und im Silicon Valley.

Worum geht es wirklich? Auf Twitter beleidigen sich Menschen gegenseitig und machen sich das Leben zur Hölle – und die Firma Twitter macht damit Geld. “I Hate the Internet” ist eine Abrechnung mit dem Silicon Valley, mit den weißen Dudes, die an ihre heilige Mission glauben, die Welt zu verändern und dabei möglichst wenig Steuern zu zahlen.

Lohnt sich das? Das Buch ist im Selbstverlag erschienen. Das macht nichts. Jarett Kobek schreibt schnell, auf den Punkt, böse und lustig.Jonathan Lethem (“Chronic City”) nennt ihn den amerikanischen Houellebecq. Wo Dave Eggers in seinem moralinsauren “The Circle” für seine Kritik an Plattformen und kalifornischem Kapitalismus erst eine dümmliche Geschichte erfinden muss, arbeitet sich Kobek in der Vergangenheitsform an ganz realen Internetriesen ab. “I Hate the Internet” ist keine besserwisserische kulturpessimistische Abrechnung, es ist eine Wutrede auf Speed, Gesellschaftskritik als Popliteratur.

Buch 13 von 52

bento in der “Washington Post”

Ein Erfolg für bento: Wir sind noch nicht mal ein Jahr am Start, da zitiert uns die “Washington Post” zur nationalen Burka-Debatte.

Das Verbot von Burkas und die Bestrafung ihrer Trägerinnen ist dieses Jahr das Sommerloch-Thema, befeuert von CDU-Politikern und “Bild”-Zeitung. Auf den meisten Fotos zum Thema sieht man allerdings Frauen im Nikab.

Burkas sind hingegen die blauen Ganzkörperschleier aus Afghanistan, bei denen auch noch die Augen hinter einem Gitternetz verschwinden. Unser Autor Fabian Köhler beschäftigt sich schon lange mit dem Islam in Deutschland und wurde stutzig: Gibt es in Deutschland Burka-Trägerinnen?

Also hat er sich auf die Suche gemacht und herumgefragt. Bei Muslimen, Imamen, Behörden, in der afghanischen Botschaft. Das Ergebnis: Vielleicht gibt es wirklich Frauen in Deutschland, die Burka tragen. Aber wenn, dann sind es einige wenige, die öffentlich keine Rolle spielen. Die Burka in Deutschland ist ein Gespenst.

Diese bento-Recherche hat es in die “Washington Post” geschafft, wo sie in zwei Absätzen ausführlich zitiert wird.

Tracy Kidder: The Soul of a New Machine

Worum geht’s? Tracy Kidder blickt hinter die Kulissen von Data General, einer Firma, die Ende der siebziger Jahre ihren ersten 32-Bit-Computer baut. Das Buch ist eine journalistische Langzeit-Beobachtung, an dessen Ende der Computer tatsächlich ausgeliefert wird. Das Buch beschreibt ein ehrgeiziges Unterfangen, das auf der totalen Selbstausbeutung eines motivierten Teams basiert. Es zeigt Office-Politics, die Aufbruchstimmung der Techbranche und das Arbeiten mit Lötkolben und Steckverbindungen. Eine Handvoll Männer denkt sich einen Computer aus und lässt diesen auferstehen.

Worum geht es wirklich? Nerd Pride. Männer basteln in dunklen Kellern die Nacht durch. Dazu kommt die Abwägung zwischen Ingenieurskunst und den Erfordernissen der Firma: Wann ist der Computer fertig genug, um ausgeliefert zu werden?

Lohnt sich das? Ja, faszinierende, irre Geschichte. Die technischen Details sind gut erklärt, nie langweilig oder langatmig. Vor allem hat Tracy Kidder tolle Charaktere gefunden und kommt diesen über die Monate sehr nah. Die einzige Frau im Team geht allerdings in der Erzählung völlig unter.

Die Serie “Halt And Catch Fire” (dritte Staffel im August) ist angelehnt an das Buch, vor allem an die Hauptfigur, den visionären wie unheimlichen Projektleiter Tom West.

Buch 12 von 52

Bov Bjerg: Auerhaus

Worum geht’s? Um ein paar Teenager unmittelbar vor dem Abitur, die ohne Eltern in ein altes Bauernhaus einziehen (und “Our House” hören, aber der Nachbarsbauer kann kein Englisch: Auerhaus). Es wird geklaut, gekifft, gefeiert und sich vor dem Wehrdienst gedrückt.

Worum geht es wirklich? Ums Erwachsenwerden und die erste und letzte große Freiheit im Leben – in einer Zeit ohne Internet, die von heute aus betrachtet einfacher, naiver und unschuldiger wirkt.

Lohnt sich das? Bov Bjerg ist Jahrgang 1965 – nicht ganz meine Generation. Fühlt sich an nach “Herr Lehmann”, “Dorfpunks” und Jan Plewka. Sehr Westdeutschland. Sehr melancholisch.

Buch 11 von 52

Neil Stephenson: Seveneves

Worum geht’s? Der Mond explodiert. Dadurch wird die Erde binnen kurzer Zeit unbewohnbar. Das Überleben der Menschheit hängt davon ab, dass 1500 Menschen auf der hastig erweiterten Internationalen Raumstation Zuflucht finden, um die nächsten paar tausend Jahre zu überbrücken. Dabei stellen sie sich mindestens so geschickt an wie “Der Marsianer”.

Im ersten Teil geht es um den Bau der rettenden Raumstation und das Ende von Milliarden von Menschen auf der Erde. Der zweite Teil spielt auf der Raumstation und endet fast mit der Auslöschung der letzten Überlebenden. Im dritten Teil, der 5000 Jahre später spielt, wagen sich schließlich geklonte Menschen zurück auf die Erde.

Worum geht es wirklich? Neil Stephenson hat viel über Raumfahrt, Genetik und Terraforming in Erfahrung gebracht und will uns an diesem detaillierten Wissen teilhaben lassen. Wahrscheinlich hat Stephenson Angst vor Meteoriten und will, dass Elon Musk seine Pläne zur Besiedelung des Mars noch entschiedener vorantreibt.

Lohnt sich das? Der erste Teil liest sich wie ein Hollywood-Endzeitfilm mit Brad Pitt oder Tom Cruise in der Hauptrolle. Der zweite Teil ist “Gravity” und “Apollo 13” mit Meuterei. Und dann folgt noch abgefahrene Science-Fiction mit teils länglichen Beschreibungen mittelspannender Konstruktionen und Kalter Krieg im Weltraum. Uff.

Buch 10 von 52

Hanya Yanagihara: A Little Life

Worum geht’s? Um vier ganz unterschiedliche Freunde, die sich an einer Universität kennenlernen und schließlich Karriere in New York machen. Malcom ist Architekt, JB malt, Willem ist Schauspieler und Jude ein brillanter Jurist. Überhaupt sind die vier, nach anfänglichen Kämpfen, wahnsinnig erfolgreich. Vor allem geht es um Jude, der in seiner Kindheit schwer missbraucht wurde und an den Folgen leidet. Er hat es schwer, Freundschaften, Hilfe oder auch nur sich selbst zu akzeptieren. Die traumatische Vergangenheit hält Jude lange Zeit unter Verschluss, auch als Leser erfährt man nur langsam mehr.

Worum geht es wirklich? Um Missbrauch und die Folgen.

Lohnt sich das? Unbedingt. Auch wenn die Figuren eigentlich viel zu offensichtlich gecastet und übertrieben erfolgreich sind. Die 700 Seiten entwicklen einen Sog. Judes Schicksal ist bitter, die Folgen kaum erträglich. “A Little Life” ist düster. Aber immer wieder gibt es rührende, liebevolle Momente. Als Leser hofft man jedes Mal mehr, dass diese Momente die nächsten paar Seiten überdauern.

Buch 9 von 52

It just works

Vor ein paar Tagen bin ich nachts mit einem Mietwagen von Mailand zum Lago Maggiore gefahren. Aus Gründen. Das Auto war ein zerbeulter Opel. Die Montagnachtclerks der Mietwagenfirma im Flughafen Mailand-Malpensa priesen die Schrottkarre als das Neueste, was in der Klasse gerade da war.

Alles klar, Opel, läuft. Leider war die Karre grotesk untermotorisiert. Oder ich bin mittlerweile verdorben von Drive Now in Hamburg, wo man ständig tiefliegende Mini Cooper in der Sportausführung bekommt. Aber! Bevor ich meinen Mietwagen-Vernunftgeiz auch nur drei Minuten bereuen konnte, fand ich eine USB-Buchse.

Das hat mich versöhnt: Wenigstens ohne Umstände das Handy aufladen. Ging doch. Ging sogar noch besser: Das Autoradio erkannte das Telefon und spielte die Musik über die Lautsprecher ab. Einfach so. Ohne Setup. Das war der Ritterschlag für den ansonsten recht traurigen Blechhaufen. Kein Herumstochern in Menüs, keine Bluetooth-Schwäche und Pin-Code Verwirrung. Kabel rein, fertig. It just works!

Was wir auf bento machen

Wir haben die Startseite von bento aufgeräumt. Nach sieben Monaten wurde das auch Zeit. Jetzt gibt es mehr Übersicht:

  • Unter Storys findet ihr die Geschichten, die unsere Redakteure und unsere Autoren für euch recherchiert haben. Das sind die aufwendigen Stücke und Meinungstexte, die ihr nur bei uns findet.
  • Unter News findet ihr aktuelle Meldungen und Erklärstücke. Jeden Morgen gibt euch unser News-Team einen Überblick, was gerade wichtig ist.
  • Unter Web gibt es die bunten Stücke: Was geht gerade ab, worüber reden alle – und was ist in der neuen Folge von “Game of Thrones” passiert?

Mehr über die neue bento-Seite hier

Ernest Cline: Armada

Worum geht’s? Als Aliens die Erden angreifen, wächst ein Schüler namens Zack Lightman über sich hinaus. Er ist einer der Besten in einem populären Game, dessen Spieler unwissentlich für den Ernstfall trainiert haben und nun der Earth Defense Alliance beim Fliegen von Kampfdrohnen helfen können. Zack muss ran, löst nebenbei das Rätsel um seinen verschollenen Vater und verliebt sich.

Worum geht es wirklich? Die vielen, vielen Stunden vor der Konsole waren doch nicht umsonst. Eine Ehrenrettung des Spielens und eine Ode an die weltumspannende Gamer-Community. Außerdem: Inwiefern wir die Absichten von Aliens eigentlich einschätzen können – und ob im Zweifel gutmeinende Militärs nicht Fakten schaffen.

Lohnt sich das? Schrottbuch. Die Geschichte lässt keinerlei Mühe erkennen, eine Aneinanderreihung doofer Klischees und durchgespielter Themen, wirklich alles ist vorhersehbar. Ein Buch für kleine Jungs. Super ärgerlich, zumal der Vorgänger, “Ready Player One”, recht vielversprechend war.

Buch 8 von 52

Welche Podcasts ich höre

  • Roderick on the Line – Merlin Mann, der mit Inbox Zero webberühmt wurde, spricht wöchentlich mehr als eine Stunde mit John Roderick, der als Musiker in einer Vorband durch die Welt getourt ist und für den Stadtrat von Seattle kandidiert hat. Zwei mittelalte Westküsten-Dudes erzählen aus ihrem Leben. Ein bisschen nerdig, aber grundsympathisch. Ich dachte lange Zeit, Christian Fahrenbach hätte mir diese Sendung empfohlen und wir beide würden jetzt mehr als 100 Stunden Insiderwissen und Jokes teilen. Hat er aber gar nicht. So kann’s gehen.
  • The Intern – Allison Behringer ist Praktikantin bei Betaworks, einer Start-up-Fabrik in New York, die unter anderem hinter Chartbeat, Digg, Giphy und dem Handyspiel Dots steckt. In dem Podcast geht es um Allison und wie sie sich bei Betaworks einfach einen eigenen Job erfindet: Podcast-Producerin.
  • The West Wing Weekly – Es geht um die alte Serie, jede Ausgabe beschäftigt sich mit einer weiteren Folge. Hrishikesh Hirway hat mit Song Exploder schon einen tollen Podcast. Seine neue Sendung kommt genau richtig in den Wahlkampf, ihm zur Seite stehen als Gäste unter anderem die Stars von damals. Politik-Nerdkram.
  • Tomorrow with Joshua Topolsky – Ja, die Stimme nervt. Ja, er interessiert sich häufig mehr für sich als für seine Gäste. Ja, das Gedisse seines angeblich schwedischen Produzenten Magnus ist nervig. Aber was der ehemalige Gründungschefredakteur von The Verge und zwischenzeitlicher Bloomberg-Webchef über Technologie, Medien und Zukunft verhandelt, ist trotzdem spannend.
  • Mystery Show – Starlee Kine löst Rätsel. Schön erzählt, aufwendig produziert und richtig spannend. Bisher gibt es nur sechs Episoden, die letzte ist aus dem August, aber angeblich kommt die Sendung bald zurück für eine zweite Staffel.
  • The City of Scenes – Eine Sendung über Filmemacherinnen in New York. Wie dreht man eine Folge Girls, die im Central Park spielt? Wie bewältigt die Crew von Jessica Jones so viele Außenaufnahmen? Ein schöner Blick hinter die Kulissen und ein bisschen Stadtgeschichte.
  • StartUp – Nach der Mystery Show noch ein Podcast aus dem Hause Gimlet. In dieser Sendung geht es viel um Gimlet selbst – wie gründet man ein Podcast-Studio, das ist dann ein bisschen selbsterfüllender Zweck wie bei den Pro-Bloggern – aber eben auch um andere Start-ups und deren Probleme. Die dritte Staffel hat gerade angefangen.
  • 3sieben – Die Politik-Redakteure Julian Heißler,  Katharina Hamberger und Annett Meiritz aus Berlin ordnen aktuelle Themen ein, zum Beispiel gerade das geplante Verbot sexistischer Werbung. Besticht durch Kenntnis und Kürze, und das sage ich nicht, weil das liebe Kollegen und alte Freunde sind.