13 Notizen von der „South by Southwest“ 2019

Ich war auf der „South by“ in Austin und habe darüber geschrieben, wie dort Politiker mit Regulierungsanspruch wie Elizabeth Warren oder Alexandria Ocasio-Cortez den visionären Silicon-Valley-Mackern Elon Musik oder Jeff Bezos den Rang ablaufen: „Der Silicon Dream ist aus“, erschienen auf Spiegel Online. Außerdem interessant:

1. Künstliche Intelligenz und unser blinder Fleck: KI begegnet uns überall im Alltag – aber in Hollywood geht es immer noch um selbstbewusste Humanoiden mit mehr oder weniger guten Absichten. „Nur die Hälfte dessen, worüber sich Forscher Gedanken machen, kommt in Filmen und Serien überhaupt vor“ sagt Christopher Noessel, der bei IBM an Watson arbeitet. Er hat 147 fiktive Stoffe und 68 Manifeste und Papiere von Forschern und Firmen verglichen. Die Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen sowie Gesetze und Normen sind eher kein Thema für Hollywood. „Untold A.I.“ nennt Noessel das. Das hat Auswirkungen auf die öffentliche Debatte. Die Forscher hingegen befassen sich erschreckend wenig mit dem Verbot autonomer Killermaschinen. (Spiegel Online)

2. Wir machen die Werbung gleicht mit: Ob Bloomberg, Gimlet, BuzzFeed oder Group Nine, Medienfirmen haben Einheiten geschaffen, die passende Werbung für Kunden produzieren. So können aus Experimenten auf neuen Plattformen wie TikTok oder Podcasts schneller Geschäftsmodelle werden, man muss nicht auf die Mediaagenturen warten. Hier ändert sich ein altes Modell grundlegend, die Mittelsleute kommen nicht mehr vor. Das Brand Studio von Gimlet kann zum Beispiel Podcast-Werbung produzieren oder ganze Podcasts im Auftrag von Kunden starten.

3. In welcher Zukunft wollen wir leben? Die oft dumpfe Serie „Black Mirror“ zeigt, wie die sehr nahe Zukunft aussehen könnte, wenn wir nicht aufpassen und Silicon Valley einfach machen lassen. Mick Champayne und Casey Hudetz von Digitas haben anhand der Serie das Konzept Speculative Design erklärt und jede Menge Beispiele gesammelt, in denen Künstler sich in Trendthemen wie Medizin, Biotech, autonomes Fahren, Klimawandel reinarbeiten und „Black Mirror“ spielen. Mein Highlight der Konferenz. Bevor man Stunden in die Serie steckt, lieber die Arbeiten hier durchsehen.

4. Podcast-Werbung: Spotify und dessen Neu-Akquisitionen Gimlet und Anchor sehen noch jede Menge Wachstum bei der Podcast-Vermarktung. Schließlich würden 90 Millionen Amerikaner bereits Podcasts hören, ein jährliches Wachstum von über 20 Prozent. Dawn Ostroff, Content-Chefin von Spotify, vergleicht: Wenn man die „Vogue“ öffnet, gehören Anzeigen zum Erlebnis dazu. Gimlet-Gründer Matthew Lieber führt ein Durchschnittsalter von 30 Jahren an – eine Zielgruppe, die ausgestattet mit AdBlocker, Netflix und Spotify jenseits von Podcasts kaum Werbung wahrnehme. Passende Werbung erstellt Gimlet mit Gimlet Studio gleich selbst, berät Firmen bei ihrem Audioauftritt. Anchor funktioniert als Werbe-Marktplatz, vermittelt auch kleinen Podcasts passende Werbung.

5. Podcast-Wachstum: Auch inhaltlich ist noch Luft: Sport, Comedy, Crime würden funktionieren, sagt Ostroff, es gebe jede Menge weitere unerforschte Genres. Gimlet nennt drei Erfolgsfaktoren von Podcasts: (1) Hörerinnen und Hörer erleben etwas mit, (2) bekommen etwas beigebracht oder (3) finden freundschaftliche Begleitung im Alltag. Stolz ist Matt Lieber auf einen Zahnputz-Skill bei Alexa namens Chomper, jeden Tag eine neue kleine Geschichte mit Bürsten-Countdown.

6. Deepfakes kommen: Video- und Audioaufnahmen, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz gefaked sind, lassen sich eigentlich noch einigermaßen gut erkennen. Matthew Stamm von der Drexel University forscht daran, auch mit Militärbudget. Aus Tonspuren lassen sich etwa Schwingungen des Stromnetzes rausrechnen, in Videos erkennt künstliche Intelligenz Muster, die auf Bearbeitung hindeuten, oder den individuellen Fingerabdruck des Kamerasensors. Aber wenn dann ein Video durch die Kompression von Facebook oder WhatsApp läuft, vielleicht sogar mehrfach, verschwinden diese Artefakte. Es gebe einfachere Methoden zur Meinungsmache als Deep Fakes: Einfach Videos kürzen und in einen neuen Kontext stellen. Poynter-Vizechefin Kelly McBride weist darauf hin, dass oft schon eine kritische Masse an Menschen erreicht sei, 20 oder 40 Prozent, die ohnehin nur noch das glauben wollen, was ihre Weltsicht stützt. Stamm: „We will not solve this by tech alone.“

7. BuzzFeed will Facebook-Geld: Früher hat sich BuzzFeed auf der “South by” als virales Powerhaus gefeiert. Jetzt spricht Jonah Peretti von der Medienkrise, einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft und warnt vor Impfgegnern, Trollen und Fake News. Er warb erneut für starke Partnerschaften zwischen Medien und vor allem mit Plattformen. Seine Idee: Facebook braucht gute Inhalte und hat viel Geld, BuzzFeed hat gute Inhalte und möchte Geld verdienen. Das gute Zeug verdrängt den schwer zu regulierenden Dreck. (Eines seiner Beispiele: Kelsey Impicciche will bei “The Sims” Kinder mit 100 anderen Sims zeugen.) Inspirational quote: „Spread joy and truth, it’s what the internet needs right now.“

8. Neue Geschäftsideen von BuzzFeed: (1) BuzzFeed veröffentlicht Shopping-Listen mit Affiliate-Links, hat dazu seit einiger Zeit einen “Wirecutter”-Klon namens Reviews. Die Listen sind so erfolgreich, dass sie unter den Top 5 der Traffic-Lieferanten für Amazon sind und Unternehmen Einträge auf ihren Listen verkaufen. (2) BuzzFeed-Mitarbeiter werden Marken als Influencer angeboten, die dann auf den BuzzFeed-Kanälen und -Formaten ihren Branded Content ausspielen (mehr dazu bei MediaKix).

9. Native Video auf Social ist nicht tot: Group Nine Media, die Firma hinter „The Dodo“ (lustige Tiervideos), „NowThis“ (bewegende News), „Thrillist“ (Lifestyle) und „Seeker“ (Tech), macht weiter und feiert drei Milliarden Videoabrufe monatlich, darunter das erfolgreichste Politik-Video auf Facebook ever.

Im vergangenen Jahr ist ein NowThis-Video von Beto O’Rourke viral gegangen. Group Nine hat Investoren im Rücken, darunter Springer. Nennt den Fokus auf Social risky, aber da seien nun mal die Nutzer. Analysiert Daten, um passenden Content je Plattform zu platzieren. Startet auf TikTok und IGTV, erstmal ohne Monetarisierung, kein großes Risiko, Publikum aufbauen. Wenn das klappt, schafft das eigene Branded Content Studio zusammen mit Marken passende Werbung. Pitch von Christa Carone an die Werbekunden: Mit uns und maximaler brand safety alle Millennials auf allen Plattformen erreichen.

10. Instagram und die Plattform-Verantwortung: Die Tourismus-Branche hat ein Problem – und es ist ausnahmsweise nicht AirBnB. Da findet außerdem mittlerweile Regulierung statt. Nein, es geht um Instagram. In Verbindung mit günstigen Flugtickets werden Fotos von Reise-Influencern zum Problem, wenn tausende plötzlich vor der niedlichen Bretterbude auf einer einsamen Insel stehen, in der immer noch jemand wohnt. Oder Menschen die Natur rund um Trolltunga in Norwegen zertrampeln. Instagram kümmert sich nicht darum, Influencer loben aber die kostenlosen Snacks im Instagram-Office in New York. Amsterdam hat seine Social-Media-Aktivitäten praktisch eingestellt, schickt Besucher in umliegende Städte oder zu Randzeiten in sonst überlaufene Museen.

11. Trend-Geschäft: Wer diesen Beitrag bis hierhin gelesen hat, bekommt ein echtes Geschenk. Amy Webb erstellt jedes Jahr eine umfassende Präsentation, den Emerging Tech Trend Report, dieses Jahr ein 380-Seiten-PDF, mit allen möglichen Trends, inklusive Einordnung, welche Branchen wovon nun betroffen sind. Super zum Buzzword-Check und zur Übersicht. Sie verdient dann an Talks und Beratungen. Rohit Bhargava macht das sehr ähnlich, verkauft jedes Jahr ein Trend-Buch. Auf der „South by“ hat er sieben Trends rausgegriffen und erklärt, hier sind seine Slides.

12. Elektroscooter funktionieren in den USA, aber werden es in Deutschland schwer haben. Dabei geht es gar nicht mal um die Regulierung: (1) Städte wie Austin haben nicht ansatzweise einen so funktionierenden Nahverkehr, wie er in vielen europäischen Städten üblich ist. (2) Amerikanische Innenstädte haben meist weite, übersichtliche Straßen, auf denen sich gut scootern lässt. (3) Autofahrer sind entspannter und fahren langsamer. In einer Stadt wie Hamburg werden rasende Autofahrer die Scooternutzer von der engen Straße mobben, die Dinger lassen sich kaum irgendwo abstellen und eigentlich fahren Bus und U-Bahn die letzte Meile ganz gut. Lime, Bird, Uber, Spin und so weiter werden es schwer haben.

13. Austin ist ein neues Silicon Valley: Die Stadt ist lebenswert, immer noch günstiger als San Francisco – und boomt. Apple, Goolge und andere Techfirmen haben tausende Jobs geschaffen, ganze Stadtviertel entstehen neu, die Metropolregion hat sich in fünf Jahren auf zwei Millionen Einwohner verdoppelt. Austin wächst mehr als alle anderen Städte. Nun wehren sich die ersten gegen steigende Mieten, Verkehrskollaps und noch mehr Wachstum. Über der “South by” flog ein Kleinflugzeug mit dem Banner: „Don’t move here“. (Bloomberg)

(Bonus-Notiz: Kemuri Tatsu-Ya im Osten der Stadt macht hervorragenden Brisket-Ramen.)

(Bonus-Notiz 2: Unbedingt immer in ein Konzert von Dale „I lie when I drink, and I drink a lot“ Watson gehen und mit Texanern Lone Star trinken.)