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Un-faking the news

Das NiemanLab der Harvard University hat mich gefragt, was 2017 für den Journalismus wichtig wird. Meine Antwort: Un-faking the news.

Much has been said and written about fake news. It all boils down to this: It’s the arch nemesis of journalism. The moment you get involved, you get infected. You draw attention to this nonsense, spreading rumors by debunking them.

So far, we’ve ignored the worst rumors, the most absurd conspiracy theories. When they went low, we stood clear. But does this work anymore? We face a dilemma: We can ignore the fake news and become part of the story. (See what they don’t tell you!) Or we can take rumors seriously, invest resources, and fact-check them. (If they deny it, it must be true!)

How do you argue with people for whom facts are negotiable? How do you reach out to people who are opposed to the principles of journalism? Because it’s not enough to warn our users about fake news: We need to reach the users who stay away from us. We need to enter the filter bubbles where conspiracy theories flourish, to understand the attraction, aesthetics, and economics of fake news, the mechanisms by which rumors spread on social media and enter search results. Then, we need to use this knowledge to disrupt the self-enforcing circle of rumors and fake news.

We need to vaccinate the public with real journalism: explaining in detail how we come to a conclusion, how facts are gathered, what should be considered a fact and why — how journalism works.

One could argue that we’re not responsible — that parents, schools, and others are to blame. While there might be some truth to that, it doesn’t help. Un-faking the news is no easy task. It doesn’t promise us a pot of gold. And we won’t convince everyone. But it’s our civic duty to try, because we can’t entrust technology companies with editorial decisions. And we certainly cannot let governments and their agencies decide what’s newsworthy and what’s not.

This task requires journalists and publishers that care deeply about democracy and freedom of speech. When fake news hits, we need to hit back, vigorously.

Dexter Palmer: Version Control

Worum geht’s? Ein paar Jahren in der Zukunft forscht der Physiker Philipp Wright an einem causality violation device – an einer Zeitmaschine, auch wenn er das Wort selbst lieber vermeidet, denn dann würden die Forschungsmittel womöglich nicht mehr fließen, man will ja nicht als Spinner gelten. Erzählt wird das alles aus der Sicht seiner Frau Rebecca, die bei einem Online-Datingservice arbeitet.

Worum geht’s wirklich? Neben allerlei sozialkritischen Einwürfen zur Moderne und Abhandlungen über Wissenschaft geht es einerseits um Zeitreisen: Was passiert, wenn jemand in der Zeit zurück reist und, sagen wir mal, sich selbst umbringt? Wie kann diese Person dann überhaupt jemals existieren? Außerdem um die Geschichte eines Paares inklusive recht existentieller Fragen, Schuld, Vergebung, Sinn des Lebens.

Lohnt sich das? Das Buch hat unfassbar viel Lob bekommen. Leider ist es langweilig, zäh und hört nicht auf, und dann hört es nicht auf und dann geht es immer noch weiter, auch wenn die eine nette Idee längst abgefeuert wurde. Nein, es lohnt sich überhaupt nicht.

Buch 25 von 52

Han Kang: The Vegetarian

Worum geht’s: Yeong-hye beschließt nach einem dunklen Traum, kein Fleisch mehr zu essen. Ihr Ehemann versteht das nicht, redet aber auch nicht mit ihr. Ihre Familie versteht es auch nicht. Ihr Vater versucht, ihr das Fleisch einzuprügeln. Sie wird verrückt, der Mann verlässt sie. Der Mann ihrer Schwester lebt eine sexuelle Phantasie mit ihr aus. Sie landet in einer geschlossenen Anstalt. Es nimmt kein gutes Ende.

Worum geht’s wirklich: Sex und Gewalt in strukturell völlig kaputten Beziehungen. Wer nicht spricht und sich nicht wehrt und erklärt, wird einfach nicht in Ruhe gelassen. Der Körper bleibt der letzte Rückzugsort. Wer ist da eigentlich verrückt? Außerhalb Südkoreas wurde das Buch für seine Fremdartigkeit gelobt, was allerdings eine recht ethnozentrische Sicht auf die Geschichte ist.

Lohnt sich das: Unangenehm und verstörend. Ja.

Buch 24 von 52

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Worum geht’s? Elena, die Erzählerin, blickt zurück auf ihre Freundschaft mit Lila. Sie wachsen in den fünfziger Jahren in einem armen Viertel Neapels auf, ihr Horizont reicht zunächst nur ein paar Straßen weit. Elena kämpft sich verbissen bis in die Oberschule, was ihre Eltern widerwillig dulden. Die eigentlich schlauere Elena, Pippi Langstrumpf mit Kopf, landet trotzdem in der Schusterei des Vaters. Erstes von vier Büchern, der zweite Teil erscheint Anfang 2017 auf Deutsch.

Worum geht’s wirklich? Eine Freundschaft zwischen Frauen – und die ganz große Erzählung über Italien, Faschismus, Kommunismus, Kirche, Mafia, Familie, üble Männer. Sehr üble Männer. Vergleiche mit „The Wire“ werden von Kritikern gezogen.

Lohnt sich das? Uff. Einerseits ja, ich habe mitgefiebert. Andererseits nervt mich die Erzählerin, die sich schon ziemlich toll findet.

Buch 23 von 52

Ingrid Burrington: Networks of New York

Worum geht’s? Das Internet versteckt sich vor unseren Augen. Wer mit diesem Buch durch New York geht, lernt das Internet zu sehen: In welchen Kabelschächten und Kästen an Straßenmasten es steckt. Welche Hinweise Bauarbeiter in Neonfarben auf den Asphalt sprayen. Hinter welchen fensterlosen Mauern Datenhubs und Netzknoten untergebracht sind.

Worum geht’s wirklich? Was Burrington zwei Jahre lang recherchiert hat, ist für viele Techniker und Ingenieure nichts Neues. Aber ihr Field Guide richtet sich auch vor allem an die breite Öffentlichkeit, vor der dieses Wissen nicht gerade ausgebreitet wird. Schließlich läuft über die Datenleitungen und Funknetze nicht einfach nur das Internet, sondern Finanzströme und Überwachungsdaten. Burrington beschreibt allgemein verständlich eine mächtige und folgenreiche Infrastruktur.

Lohnt sich das? Ja, nicht nur für Infrastruktur-Nerds. Burrington betreibt, was die Medien-Professorin Shannon Mattern „Infrastructural Tourism“ nennt. Ihre generelle Kritik an dieser Art Field Guides ist als Ergänzung zu „Networks of New York“ unbedingt lesenswert: „The presumption that infrastructures are ‘hidden’ or ‘magic,’ and thus require demystification through a field trip or field guide, signals great privilege.“

Buch 22 von 52

Tait Ischia: Copywrong to Copywriter

Worum geht’s? Wie man einfach und klar auf Englisch schreibt, erklärt für Kleinunternehmer auf 86 Seiten von einem professionellen Copywriter.

Worum geht’s wirklich? Das Buch ist eine Herzensangelegenheit von Tait Ischia, der dafür auf der australischen Kickstarter-Seite Pozible Geld eingesammelt hat. Sprache und Design sind sehr freundlich, die Illustrationen von Jacob Zinman-Jeanes ebenso. Mehr Infos auf copygui.de.

Lohnt sich das? Jedenfalls nicht für Journalisten.

Buch 21 von 52

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Worum geht’s? Warum soll sich jemand schämen, Gutmensch oder Bahnhofsklatscher zu sein? Warum ist es angesagt, den dumpfen Hass von „besorgten Bürgern“ ernst zu nehmen? Carolin Emcke beschreibt, welche Voraussetzungen Hass braucht und was dagegen hilft: ein mächtiges Plädoyer für mehr Offenheit und Vielfalt.

Sie beschreibt die Jagdszene von Clausnitz und die Rückkehr von Ressentiments in politische Debatten, den Tod von Eric Gardner und institutionellen Rassismus, die rechtliche Gängelung von Transmenschen und unser Verständnis von Grundrechten. Außerdem die Ideologie des IS. Zusammen ergibt sich die Notwendigkeit zu maximaler Differenzierung und zur Genauigkeit – und zu einer Demokratie, deren vorderste Aufgabe es ist, den Einzelnen zu schützen, damit er frei ist, gemeinsam mit anderen zu handeln.

In Kritiken zu dem Buch ist von „moralischer Selbstvergewisserung“ zu lesen, von Selbstverständlichkeiten. Ich kann das nachvollziehen und daran nichts finden: In einer verrückten Zeit, in der vermeintliche Standards eingerissen werden, von der AfD, von Trump und so weiter, ist „Gegen den Hass“ genau das Buch, das wir brauchen.

Angestrichen

„Ich halte es für keinen zivilisatorischen Zugewinn, wenn ungebremst gebrüllt, beleidigt und verletzt werden darf. Ich halte es für keinen Fortschritt, wenn jede innere Schäbigkeit nach außen gekehrt werden darf, weil angeblich neuerdings dieser Exhibitionismus des Ressentiments von öffentlicher oder sogar politischer Relevanz sein soll.“

„Als seien Sorgen an sich schon ein triftiges Argument in einem öffentlichen Diskurs – und nicht bloß Affekt.“

„Weil als Sorge ausgegeben wird, was gleichwohl Abscheu, Ressentiments und Missachtung birgt, verrückt es die Schwelle des Akzeptablen.“

„die Zulieferer des Hasses und die Profiteure der Angst“

„die populistische Aufwertung von Affekten zu politischen Argumenten, die rhetorischen Tarnkappen ‚Angst‘ und ‚Sorge‘, die den bloßen Rassismus verdecken“

„Ein Schweinchen als Gallionsfigur des Abendlandes? Darauf schrumpft die kulturell-ideologische Ambition zusammen?“

Gibt es eine Ausrede, das Buch nicht zu lesen? Nein.

Buch 20 von 52

William Gibson: The Peripheral

Worum geht’s? Back to the Future! William Gibson, Urvater des Cyberpunks, schreibt nach der im Heute spielenden „Blue Ant“-Trilogie wieder Science Fiction.

Flynne übernimmt für ihren Bruder Burton einen Job: In einer virtuellen Realität Sicherheitsdienst spielen und Paparazzi-Drohnen ärgern. Dabei beobachtet sie einen Mord. Was sie noch nicht weiß: Die virtuelle Realität ist die Zukunft, 70 Jahre später. Von dort aus kann man sich über einen mysteriösen chinesischen Server in Vergangenheiten einklinken, die sich in dem Moment von dieser Zeitlinie abspalten. Die Leute aus der Zukunft wollen zusammen mit Flynne den Mord aufklären. Der Mörder wiederum will seine Spuren beseitigen und in beiden Zeiten aufräumen.

Worum geht’s wirklich? Um die Beschreibung der beiden Welten. Ohne große Einführung und Erklärung wird man als Leser in die Zukunft geworfen. Einmal ist das ein düsteres und korruptes Amerika, in dem die Menschen Angst vor „Homes“ haben, der mächtigen Bundesbehörde Homeland Security, bei Hefty Mart einkaufen, einer alles umgreifenden Walmart-Version, und ökonomisch abgehängt von Gelegenheitsjobs in virtuellen Realitäten leben. Oder von Drogengeschäften.

In der zweiten Zukunft leben nur noch 20 Prozent der Menschen, diverse Katastrophen haben den Rest dahingerafft, viele isoliert betrachtet kleinere Ereignisse, in der Summe aber furchtbar. Die Überlebenden nennen diese Zeit den „Jackpot“. Gleichzeitig gibt es medizinische und technische Fortschritte, vor allem Schwärme von Nanorobotern. Dafür totale Überwachung und, in London, mächtige Oligarchen-Clans.

Lohnt sich das? Schon. Die erste Hälfte von „The Peripheral“ ist dicht, spannend, kompliziert. Ständig werden neue Figuren eingeführt. Letztlich bleiben die meisten davon aber recht eindimensional, die Geschichte geht am Ende zu gut auf, viel zu platt. Was wiederum daran liegen könnte, dass es nicht wirklich um die Figuren und ihr Innenleben geht, auch nicht um große, tiefe Gedanken – sondern um die Beschreibung der Oberflächen. Die aber sitzt.

Buch 19 von 52

Alexandra Kleeman: You Too Can Have a Body Like Mine

Worum geht’s? Die kraftlose A lebt mit ihrer Mitbewohnerin B zusammen. B sieht aus wie eine dünnere Version von A und ernährt sich praktisch nur von Popsicles. A fürchtet nicht ganz zu unrecht, dass B ihr Leben übernehmen will. Also flüchtet sie zu C, ihrem Freund, der am liebsten Hai-Dokus und Pornos guckt. Als C sie verlässt und ihr Supermarkt keine Kandy Kakes mehr hat, ein seelenloses Industrieprodukt, von dem sie nicht genug kriegen kann, sucht sie die Nähe einer Sekte: Die United Church of the Conjoined Eater, wo es ausschließlich Kandy Kakes gibt.

Worum geht’s wirklich? Um Zugehörigkeit, Routinen, Körperbilder, synthetisches Essen, Reality-TV und Einsamkeit. Ein bitterböser Kommentar zu einer Kultur, die Arbeit am eigenen Körper zum Ideal erhoben hat. Eine Antwort auf Pamela Reif. Als A sich der Sekte anvertraut, löscht sie sich selbst aus, weg mit den Erinnerungen, weg mit der Verantwortung für den eigenen Körper, bis sie fast verhungert ist.

Lohnt sich das? Ja. Zunächst spielt die Geschichte nur ein kleines bisschen neben der Realität, bis die surrealen Momente zunehmen und schließlich alles wahnsinnig weird und verstörend ist. Erzählt wird das völlig unaufgeregt.

Auch A bleibt unaufgeregt, was schnell langweilig werden könnte. Aber dazu sind die Szenen zu absurd, zu komisch und zu nah an unserer Wirklichkeit. Weil Internet und Social Media keine Rolle spielen, dafür Fernsehen umso mehr, liest sich das Buch wie Retro-Science-Fiction.

Buch 18 von 52

David Graeber: The Utopia of Rules

Worum geht’s? David Graeber findet, dass die moderne Bürokratie in der Demokratie Menschen mindestens so stark einschränkt wie eigentlich unfreiere, undemokratische Herrschaftsformen. Die Bürokratie wächst und wächst, Menschen werden immer mehr verwaltet, wer nicht nach den Regeln spielt, bekommt die Polizei ins Haus (die ohnehin den Großteil ihrer Arbeit damit verbringt, die Einhaltung der Bürokratie durchzusetzen, nicht etwa, Verbrecher zu jagen).

Das Ideal von der perfekten Organisation, abgeguckt von der deutschen Post, übt einen fatalen Reiz auf viele Menschen aus. Vor allem nimmt sie ihnen die Angst vor Unberechenbarkeit. Bürokratie ist dann auch Schuld daran, dass wir nicht längst in einer Zukunft mit Mars-Kolonien und fliegenden Autos leben. Das System arbeitet lieber daran, sich als alternativlos darzustellen und totale soziale Kontrolle auszuüben.

Angestrichen

„All rich countries now employ legions of functionaries whose primary function is to make poor people feel bad about themselves.“

„The process of financialization has meant that an ever-increasing proportion of corporate profits come in the form of rent extraction of one sort or another. Since this is ultimately little more than legalized extortion, it is accompanied by ever-increasing accumulation of rules and regulations, and ever-more sophisticated, and omnipresent, threats of physical force to enforce them.“

„It’s almost as if the more we allow aspects of our everyday existence to fall under the purview of bureaucratic regulations, the more everyone concerned colludes to downplay the fact (perfectly obvious to those actually running the system) that all of it ultimately depends on the threat of physical harm.“

„This is the world that all those endless documents about ‚vision,‘ ‚quality,‘ ‚leadership,‘ and ‚innovation‘ have actually produced.“

„Almost all educated people still feel that, even if they are willing to grudgingly accept a few democratic elements in some aspects of society, they need to be kept entirely separate from the administration of justice and the law.“

„What the media was calling ‚globalization‘ had almost nothing to do with the effacement of borders and the free movement of people, products, and ideas. It was really about trapping increasingly large parts of the world’s population behind highly militarized national borders within which social protections could be systematically withdrawn, creating a pool of laborers so desperate that they would be willing to work for almost nothing.“

„Whenever someone starts talking about the ‚free market,‘ it’s a good idea to look around for the man with the gun. He’s never far away.“

Lohnt sich das? Ja, schon. Obwohl das Buch eigentlich aus 3,5 Essays besteht und nicht, wie etwa das dicke „Schulden“-Buch von Graeber, eine These zu Ende formuliert. Aber auch wenn eine übergeordnete Erzählung fehlt, stecken in „The Utopia of Rules“ jede Menge scharfe Beobachtungen und mindestens interessante Ideen. So richtig durchdacht und abgewogen ist die Bürokratie-Schmähkritik nicht, aber dafür mit viel Wut gegen den Neoliberalismus geschrieben. Das polarisiert und macht oft Spaß. Von Graeber, der Occupy Wall Street mitgegründet hat, wäre alles andere auch eine Enttäuschung.

Buch 17 von 52